Gesellschaftsspiele: The Art of Assembly IV. - Choirs of Precarity and Power

mit Florian Malzacher, Claudia Bosse (Wien), Alia Mossallam (Cairo/Berlin) und The Church of Stop Shopping (New York City)
in englischer Sprache


Chöre sind eine sehr spezielle Form der Versammlung – von der Darstellung des „Volkes“ in der griechischen Tragödie über alle Arten religiöser Chöre, politischer Chöre, revolutionärer Chöre bis hin zum legendären menschlichen Mikrofon an der Occupy Wall Street und den legendären Gesängen am Tahrir-Platz im Jahr 2011. Die Theaterregisseurin Claudia Bosse, die Kunsttheoretikerin Alia Mossallam und die Aktivisten der Church of Stop Shopping diskutieren das Potenzial (und möglicherweise die Gefahren), die Zärtlichkeit, die Prekarität und die Kraft des synchronisierten Singens, Skandierens und Schreiens entlang konkreter künstlerischer und aktivistischer Praktiken in Kairo, New York und Wien.

Über die Reihe The Art of Assembly:

Ob in Tunis, Kairo, Madrid, Lissabon, in Athen, New York, London oder Istanbul, in Tokio nach Fukushima, inmitten von Niemeyers ikonischer Parlamentsarchitektur in Brasília, unter den Regenschirmen in Hongkong, auf den Straßen von Minneapolis: Die weltweiten sozialen Bewegungen der letzten Jahre waren immer auch geprägt von der Suche nach alternativen Formen des Versammelns, des Argumentierens und des Entscheidens, des Aushandelns von Gemeinschaft und Gesellschaft. Solche Versammlungen wirken nicht nur durch ihre Forderungen. Sie verändern die Realität oft bereits dadurch, dass sie radikalere Modelle von Demokratie praktizieren.

Auch innerhalb der Künste gibt es ein erneutes Interesse an Konzepten der Versammlung und am Erzeugen öffentlicher Räume, in denen die Gesellschaft nicht nur gespiegelt, sondern konsequent ausprobiert, aufgeführt, getestet, anders gedacht oder gar neu erfunden wird: Gerichtsverhandlungen über Kunstfreiheit, Religion und Zensur; Tribunale über Ausbeutung und Gewalt; Gipfeltreffen über Klimawandel oder Kulturpolitik; Parlamente, in denen diejenigen sprechen, die sonst zum Schweigen gebracht werden … Insbesondere das Theater ist zu einer Bühne für Versammlungen auf dem schmalen Grat zwischen Kunst und Wirklichkeit geworden, zu einer demokratischen Arena der radikalen Imagination.

Doch welche Zukunft hat die Idee der Versammlung nach Monaten eines Ausnahmezustands, der so ziemlich alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens aus dem Takt gebracht hat? Gesellschaftsspiele: The Art of Assembly bringt Protagonist*innen aus verschiedenen Bereichen von Kunst, Politik und Theorie zusammen, um über die Zukunft der Versammlung zu spekulieren – in einer Zeit, in der wir gelernt haben, wie flüchtig Gewissheiten sein können, und in der jede Form des physischen Miteinanders prekär geworden ist.

Florian Malzacher ist freier Kurator, Dramaturg und Autor. Von 2012 bis 2017 war er künstlerischer Leiter des Impulse Theater Festivals (Düsseldorf, Köln und Mülheim an der Ruhr), davor sieben Jahre leitender Dramaturg/Kurator des Festivals steirischer herbst (Graz).

Er (co-)kuratierte u. a. die Internationale Sommerakademie (Mousonturm Frankfurt, 2002 & 2004), "Dictionary of War" (2006/07), "Truth is Concrete" in Graz (2012), "Aneignungen" im Ethnologischen Museum Berlin / Humboldt Lab (2015), "Artist Organisations International" (HAU Berlin, 2015), "Vom Möglichkeitssinn" zum Jahrestag der Russischen Revolution (St. Petersburg, 2017), "Training for the Future" (mit Jonas Staal, Ruhrtriennale, 2018/19) und "Nach dem Beaufsichtigen der Maschinen" (2020). Als Dramaturg arbeitete er u. a. mit Rimini Protokoll, Lola Arias (AR), Mariano Pensotti (AR) und Nature Theater of Oklahoma (US). Florian Malzacher ist Herausgeber und Autor zahlreicher Essays und Bücher zu Theater und Performance sowie zum Verhältnis von Kunst und Politik. Zuletzt erschien 2020 sein Buch Gesellschaftsspiele. Politisches Theater heute im Alexander Verlag Berlin.

Zitate

"Es ist wichtig, dass wir als Körper – als die körperlichen Wesen, die wir sind – zusammen in der Öffentlichkeit auftreten, dass wir uns in der Öffentlichkeit versammeln. Wir kommen zusammen auf den Straßen und Plätzen als eine Allianz der Körper. […] Das ist das, was hier passiert, eine Politik des öffentlichen Körpers, der Bedürfnisse des Körpers, seiner Bewegungen und seiner Stimme. […] Wir sitzen und stehen, wir bewegen uns und wir sprechen, so wie es unseren Möglichkeiten entspricht, als Wille des Volkes, den die Wahldemokratie vergessen und im Stich gelassen hat. Aber wir sind hier. Und wir bleiben hier und füllen die Formel "We, the people" mit Leben." Judith Butler, Occupy Wall Street, 2011