Studio Ö - Blumen für Otello

Performative Lesung mit Esther Dischereit & Freund*innen
Konzept/Kuration/Gastgeberinnenschaft: Tunay Önder

Im Jahr 2018 initiierte Tunay Önder das Studio Ö im Münchner Kulturhaus Bellevue di Monaco als Forum für künstlerisch-aktivistische Positionen, die die gesellschaftliche Pluralisierung und Gleichberechtigung auf unterschiedliche Weise vorantreiben. Das Studio Ö gestaltete sich zu einem performativen Spielraum, einem lebendigem Archiv, einer Teetrinkhalle und einem Treffpunkt für Münchner*innen, die sich als Teil einer postkolonialen Migrationsgesellschaft verstehen. An den Münchner Kammerspielen schlägt das Studio Ö – zunächst als digitales Format – seine Zelte auf. Hier lädt Tunay Önder Künstler*innen ein, die mit ihrer Arbeit bestehende Dominanzverhältnisse verschieben und das kollektive Gedächtnis der Gesellschaft mit allen Mitteln der Kunst erweitern: Reading oder Lecture Performances, Rituale und Rundgänge, Szenische Lesungen mit Videoscreenings. Gemeinsam mit den Gästen und bei frisch gebrühtem Çay entsteht ein Raum, in dem künstlerische Arbeiten und emanzipatorische Kämpfe ineinanderfließen, sich verdichten und gegenseitig verstärken.

Konzept/Kuration/Gastgeberinnenschaft: Tunay Önder
Künstler*innen/Gäste: Esther Dischereit, Nesrin Tanç, Gürsoy Doğtaş

Blumen für Otello
Performative Lesung mit Esther Dischereit & Freund*innen

Esther Dischereits Werk Blumen für Otello ist eine Sammlung an Klageliedern, ein Libretto und eine Dokumentation. Es erzählt von den Abwesenden, den Getöteten und ihren Familien, davon, welche Lücken die Verbrechen des NSU bei den Hinterbliebenen aufgerissen haben. Esther Dischereit verweigert den NSU-Täterfiguren die Öffentlichkeit der Bühne. Diesen Raum öffnet sie stattdessen für diejenigen, die durch die Anschläge und die darauffolgende Verhandlungen zum Verschwinden und Schweigen gebracht wurden.
„Ich hatte mich in meinen vergangenen Arbeiten immer wieder mit der Shoah beschäftigt. Es hatte ja fast vierzig Jahre und mehr gedauert, bis das Gedenken und Denken an die Opfer des Massenmords in der Bundesrepublik Deutschland als Diskurs in einer Öffentlichkeit stattfand. Als ich von den NSU-Morden hörte, dachte ich: sofort. Wir müssen das Gedenken und die Würdigung der Opfer sofort wollen – bloß nicht wieder die Jahrzehnte des bleiernen Verschweigens und Beschweigens durch eine Mehrheitsgesellschaft.“


Esther Dischereit schreibt Lyrik, Prosa, Hörspiele und Essays für Radio und Theater. Sie erhielt 2009 den Erich-Fried-Preis und war von 2012 bis 2017 Professorin an der Angewandten in Wien, 2019 DAAD- Chair in Contemporary Poetics an der New York University. Zuletzt erschienen als Buch Großgesichtiges Kind, 2014, Sometimes a Single Leaf, 2019 und Mama, darf ich das Deutschlandlied singen, 2020. Voraussichtlich im August 2021 erscheint Hab keine Angst, erzähl alles. Das Attentat von Halle und die Stimmen der Überlebenden (Hg.)